Goethe - Mann - Böll

Heinrich Bölls «Ansichten eines Clowns»
als eine «Verteidigung der Existenz»


Kim Hill

für Dr. Heinrich Bosse
Institut für neuere deutsche Literatur
Universität Freiburg



Als Vorlage dieses Aufsatzes dient Robert Paslicks Kritik «A Defense of Existence: Böll's Ansichten eines Clowns». Darin spricht Paslick Kritiken Bölls Gesellschaftskritik an. Er zitiert als Beispiel Horst Krüger, der fühlt, Bölls Gesellschaftskritik werde Selbstzweck; sie stamme aus «einem emotionalen Bedürfnis, dagegen zu sein». Krüger meint: «Seine Gesellschaftskritik droht, emotional, gefühlsmäßig-allgemein, damit aber im tiefsten Sinn unpolitisch zu werden.» Solche Kritik verliert ihren Belang für eine Gesellschaft die schon den verschiedensten Kritiken unterliegt, und nach Antworten sucht. Die heutige Gesellschaft stellt eine leicht-erreichbare Zielscheibe dar; diese Zielscheibe mit diversen Pfeilen zu treffen ist keine besondere literarische Leistung.

Paslick behauptet dagegen, daß «Ansichten eines Clowns» keine ungezielte Kritik sei, daß es hier keinen «Geist der Negation» gäbe, sondern einen positiven Geist. Paslick nennt den Roman «eine Verteidigung- zwar eine verzweifelte und tragische Verteidigung- der Existenz». Ich stimme Paslick zu. Ein sorgfältiger Blick auf den Text ergibt viel Unterstützung für diese Ansicht.

Die allgemeine Kritik an Böll scheint in «Ansichten eines Clowns» zuzutreffen. Daß die Gesellschaftskritik hier kreischend und oft selbstzufrieden ist, ist unleugbar. Besonders schwer wiegt die Persönlichkeit der Hauptfigur, Hans Schnier. Er ist uns nicht sympatisch. Er ist Egoist und Besserwisser, jederzeit bereit, seine Meinung auszudrücken, sei es über Parteipolitik oder Parfüm. Diejenigen die seine strengen, persönlichen Lebensvorschriften nicht erfüllen sind für ihn tot. Er erscheint intolerant und dogmatisch. Wo finden wir den postiven Aspekt in einem Buch so dominiert von so einer Figur?

Mit Paslick übereinstimmend glaube ich, daß es ein tieferes Niveau gibt, das wichtiger ist als die oberflächige Gesellschaftskritik. Vielfach vorhanden im Buch sind durchaus positive Aussagen zu einer menschlichen Moral. Böll geht von kreischender Kritik aus, aber nur um Quellen gesellschaftlicher Mißstände zu erlautern. Meiner Meinung nach, geht es Böll vor allem um das Fehlen einer gesunden subjektiven Menschlichkeit bei Individuen. Hingegen gäbe es eine zu große moralische Abhängigkeit an objektive Regeln und institutionalisierte Ideale.

Nach Paslick, neigen solche Ideale dazu, «in der modernen Gesellschaft abstrakt und blutlos zu werden, und unabhängige Leben zu führen, weit entfernt von jeglicher konkreten menschlichen Situation.» Kein Gesetz, keine Ideologie ist stark genug, um uns von der Pflicht des Denkens zu erlösen. Aber gerade das moralische Denken überlassen viele «abstrakten Ordnungsprinzipien.» Böll schildert hier das Resultat. In der Behandlung solcher Themen geht er weit über die Enge einer einfachen Gesellschaftskritik hinaus.

Zuerst müssen wir uns den Clown Hans Schnier näher betrachten. Auffällig ist seine außerordentliche Subjektivität. Diese Subjektivität ist kein Zufall, denn sie ist gerade das, was den anderen Figuren fehlt. Bei ihnen sind lang etablierte Regeln und Erwartungen das Entscheidende im Leben. Religiöse und soziale Prinzipien sind für sie bequeme Verstecke vor persönlicher Verantwortung. Ich glaube, daß Paslick recht hat, hier existentialistische Ausdrücke zu gebrauchen.

Die Gegenspieler von Hans können als ,Herdenmenschen' bezeichnet werden, die ihre eigene Subjektivität geleugnet haben. Sie unterwerfen alles «abstrakten Ordnungsprinzipien», auch wenn dies allem Menschlichen widerspricht.

Frau Schnier, die Mutter von Hans, hat im Krieg ihre Tochter zur Flak geschickt, um «die heilige deutsche Erde» zu verteidigen. Dabei ist die Tochter ums Leben gekommen. Frau Schniers Gewissen «zwingt» sie, ihren Sohn zu verstossen, weil Hans und Marie zusammen leben ohne verheiratet zu sein. Marie verläßt Hans spater, «möglicherweise im Streit zwischen Natur und Ubernatur.» Hans wird vorgeworfen, er verstehe nichts von Theologie, denn Beziehungen zwischen Mann und Frau «müssen doch geregelt werden.»

Demgegenüber unterwirft Hans alles seiner Subjektivität. Er systematisiert seine Welt, damit sie seiner inneren Realitat entspricht. Seine Behauptung, er könne Gerüche durch das Telefon wahrnehmen, ist ein Beispiel. Seine Schwester, die im Krieg gestorben ist, ist für ihn lebendiger als seine Mutter, die noch lebt. Seine Vorstellung, einmal mit seinem Bruder Holz gesägt zu haben, ist ihm zum realen Ereignis geworden. Der Punkt scheint Folgender zu sein: Dem Subjektiven wird vertraut.

Wenn die Basis der Objektivität unrechte Regeln oder «Ordnungsprinzipien» ist, wird die Obiektivität schädlich. In diesem Fall hat Subjektivität eine schützende Funktion. Hans, zum Beispiel, überprüft seine Umwelt mit seinem Gefühl, und erkennt dadurch ihre Widerspräche. Dagegen kann stete Objektivität ein Vorwand sein, womit man seiner Verantwortung als individuell handelnder Mensch entflieht. In einem Gespräch über Marie mit dem Prälat Sommerwild fragt Hans, warum der Pralat Maries Namen nicht gebrauche:

Hans:
Warum sagen Sie Person und nicht Marie?

Prälat:
Weil mir daran liegt, die Sache so objektiv wie nur möglich zu halten.

Hans:
Das ist Ihr großer Fehler, Prälat - Die Sache ist so subjektiv, wie sie nur sein kann. (DTV400, S.128)

Betonung des Subjektiven finden wir auch in der Behandlung von «Augenblicken» und «Details.» Für Hans ist die Selbsterfahrung gewisser Augenblicke ein sehr wichtiges Phänomen. Wenn er Zeit zum Wahrnehmen, aber nicht zum Nachdenken hat, findet er eine besondere Echtheit in seinen Empfindungen,auf die er sich verlassen kann. Diese «Details» werden sein Eigentum; er «sammelt» sie.

Einmal hat er seine Mutter gesehen als sie heimlich im Keller Schinken aß. Das war gegen all ihre Prinzipien, aber sehr menschlich. Dieser Menschlichkeit wegen ist es für Hans ein sehr positiver Eindruck, den er mit sich ins Grab tragen wird. Augenblicke und Details sind ihm wichtig weil sie unmittelbar die menschliche Wirklichkeit wiederspiegeln. Hans sagt:

«Große Sachen zu bereuen ist ja kinderleicht: Politische Irrtümer, Ehebruch, Mord, Antisemitismus - aber wer verzeiht einem, wer versteht die Details?» (S.190)

Ein Problem bei der Subjektivität ist daß sie zum Egoismus werden kann. Hans überschreitet oft diese Grenze; er ist sicherlich das Zentrum seiner Welt. Man kann amüsiert darüber sein, wenn es Hans gleichgültig ist, wie er ißt, oder seine Zeit vertreibt, oder gewisse Leute verblüfft. Aber wenn er sich für Maries «Fehlgeburten» nicht interessiert; nach der Bedeutung ihrer «Frauensachen» nicht fragt, wird seine Gleichgültigkeit abstoßend. Wie können die Aussagen und die Person von Hans Schnier übereinstimmen?

Ohne seine Mängel entschuldigen zu wollen, kann man Erklärungen suchen. Hans ist kein vollkommener Mensch, kein neuer Heiliger, sondern lediglich ein Außenseiter, der wichtige Einsichten hat. Seinem Gewissen nach, muß er einen Gegensatz zu seiner Umwelt bilden. Wie wir noch sehen werden, ist die Absicht auf eine «Verteidigung der Existenz» unverkennbar, wenn auch nicht immer konsequent durchgeführt.

Die Ansichten des Clowns sind meist auf ein bestimmtes Thema bezogen - nämlich auf Menschlichkeit und einen Kampf gegen Unmenschlichkeit. Die Beispiele sind zahlreich, und erstrecken sich von Opposition zu einer unmenschlichen Sexualpolitik bis hin zum Mitleid mit einer Familie in einer zu kleinen Wohnung.

Die für Hans allwichtigen Augenblicke betreffen fast immer Fragen der Menschlichkeit. Hier sehen wir wie positiv die Hände des Vaters auf den Schultern des jungen Hans gewirkt haben, und wie negativ die Bitte des eifrigen Jungnazis um «Härte, Härte, unnachgiebige Härte!» war. Als seine Mutter den Schinken isst, erlebt Hans einen einmaligen Augenblick ihrer Humanität.

Bei dem Clown werden Augenblicke und Details zum Maß der Moral. Es ist also nicht überraschend, daß er auf die Frage: «Was bist du eigentlich für ein Mensch?» so antwortet: «Ich bin Clown, und sammle Augenblicke.» Wenn andere Leute die Augenblicke rasch vergessen, sieht er sein Sammeln als seine Funktion an, und wohl auch als seine Pflicht. Es scheint ein Ausgleich zu sein. Keine anderen sind subjektiv; Hans wird supersubjektiv. Keine anderen achten auf die Augenblicke; Hans wird ein Sammler davon.

Trotz der offensichtlichen Betonung auf Menschlichkeit, kann Hans andere Menschen sehr hart behandeln. Herbert Kalick, ein ehemaliger Jungnazi, der im Krieg Hans gedroht hat, bietet Hans pathetisch um Verzeihung. Stattdessen kriegt er eine Ohrfeige. Hans erinnert seine Mutter gnadenlos an den Tod seiner Schwester (die seine Mutter zur Flak geschickt hatte). Er sagt selber, daß seine Mutter nicht böse sei, nur «auf eine unbegreifliche Weise dumm.» Wo ist jetzt seine Menschlichkeit?

Eine Erklärung finden wir in denjenigen, die er verurteilt. Sie haben aus ihren tödlichen Fehlern nichts gelernt. Sie bereuen zwar ihre Taten, aber da sie weder aufgeklärt noch verändert sind, findet Hans, daß er ihnen nicht verzeihen kann. Dies sehen wir im Fall von Kalick, dem einstigen Jungnazi. Hans erinnert sich wie Kalick:

«außer sich vor Wut, mit den Knöcheln auf unseren Tisch schlug, mit seinen toten Augen mich ansah und sagte: «Härte, unerbittliche Härte...» (S.190)
Hans fügt hinzu:
«Ich habe zuviel Augenblicke im Kopf, zuviel Details, Winzigkeiten - und Herberts Augen haben sich nicht geändert.» (S.190)
Als Kalick um Verzeihung bittet, sagt er zu Hans:
«Es gibt für jeden Menschen eine Chance, die Christen nennen es Gnade.» (193)
Aber Hans ist anderer Meinung, er sei «schliesslich kein Christ.» Kalick, so wie er ist, kann er nicht verzeihen. Hans geht es nicht nur um Kalicks Vergangenheit, sondern auch darum, daß ein unveränderter Kalick seine Mitmenschen in der Gegenwart gefährdet. Ich glaube, daß Robert Paslicks Beschreibung von «Herdenmenschen» auf Kalick sehr gut paßt:
«Sie geben ihre eigene innerliche Freiheit auf, und flüchten sich in eine objektive Ordnung institutionalisierter Werte...»; Wenn ihnen diese allwichtige Ordnung fraglich zu werden scheint, fühlen sie sich sehr bedroht, und werden 'Tyrannen der Verteidigung des Systems'»
In verschiedenem Maße trifft dies bei vielen Figuren des Romans zu. Sie sind ihren Ordnungsprinzipien unterworfen, und handeln dementsprechend. Das Resultat nennt Hans «Das Zeitalter der Prostitution.»

Kalick (wie auch Frau Schnier) stellt also ein zentrales Dauerproblem dar; genau das, was Hans bekämpfen will. Mit diesem moralischen Versagen kann er keinen Frieden schliessen. Eine pauschale Anwendung von «Gnade für alle» sieht Hans als unverantwortlich an. Die Verurteilung von Unrecht. muß eindeutig sein, denn das Leiden am Unrecht, das er gesehen hat, ist immer reichlich eindeutig gewesen. Hans mahnt diese Leute, daß nicht alles in Ordnung ist - Wer würde es sonst tun?

Hans vertritt also keine moralische Anarchie. Das sehen wir auch in der allgemeinen Konsequenz seiner Kritik, in seiner Monogamie und in seiner Nachdenklichkeit. Für eine bürgerliche Existenz an sich hat er keine Verachtung; im Gegenteil5 er hat ein «ungeheuer erregendes Gefühl» wenn er sich auf eine «spießige Weise» ganz «normal» fühlt. Die angegriffenen Katholiken finden sogar Religiöses an seiner Persönlichkeit. Marie sagt, daß er auf seine Weise «so fromm und so keusch» sei. Prälat Sommerwild sagt zu Hans:

«...das Schreckliche an Ihnen ist, daß Sie ein unschuldiger, fast möchte ich sagenü reiner Mensch sind.» (S.133)
Hans besitzt doch eine grundsätzliche moralische Ordnung; sie stammt nicht aus der Anerkennung «abstrakter Ordnungsprinzipien», sondern «aus einer Seele, in der die Freiheit und die Güte übereinstimmen.» (Paslick). Hier muß man sich an Bölls Bibelzitat am Anfang des Buchs erinnern:
«Die werden es sehen, denen von Ihm noch nichts verkündet ward, und die verstehen, die noch nichts vernommen haben.»
Trotz allem wirkt der Clown nie besonders sympathisch. Auch er weiß, daß er Fehler gemacht hat. Am Anfang glaubt er, er sei nur das Opfer der Katholiken, die ihm Marie weggenommen hätten. Aber bei einem Telefongesprach wird ihm klar, daß Marie für ihre Abfahrt verantwortlich ist:
«...die Erkenntnis war schlimm. Marie war weggegangen, und sie hatten sie natürlich mit offenen Armen aufgenommen, aber wenn sie hätte bei mir bleiben wollen, hätte keiner sie zwingen können, zu gehen.» (S.129)
Er war zu selbstzufrieden gewesen, um bereit zu sein, Marie im kritischen Moment zu umarmen. Das hätte entscheidend sein können:
«...es war falsch von mir, daß ich sie wirklich losließ.» (S.79)
Hans Schniers Leben und Problematik sind von seinem Beruf sehr geprägt. Seine Stellung als ein Clown, dessen Unbefangenheit und Konsequenz keineswegs nur für die Bühne reserviert sind, bestimmen seine Handlungsweise. Wilhelm Schwarz, in seinem Buch «Der Erzähler Heinrich Böll», vergleicht die Rolle des Clowns mit der des alten Hofnarrs:
«...mit immer wachen Augen beobachtet er seine Umgebung und unterwirft sie einer unerbittlichen Kritik.»
Und Albrecht Beckel schreibt:
«Ein Clown ist von Beruf ein Mensch, der mit abstrusen Mitteln die Wirklichkeit übertreibt, einseitig darstellt und insofern verfälscht, aber damit zugleich neue Seiten an eben dieser Wirklichkeit enthüllt, die mit anderen Mitteln nicht so freigelegt werden können.»
Aber nicht jeder bemüht sich um grundlegende Wahrheiten. Die Erwartungen des Clowns auf Verständnis und Mitwirkung werden enttäuscht, und der Clown scheitert.

Hans weigert sich, sich anzupassen, um der Harmonie seiner Umwelt willen. Die Spannung, die sich daraus ergibt, und zugleich den Grund, weshalb er so handelt findet man in einem Schlüsselzitat von ihm:

«Merkwürdigerweise mag ich die, von deren Art ich bin: die Menschen » (S.239)
Die Botschaft von Hans Schnier erscheint unpolitisch, aber unprogrammatisch ist sie nicht. Seine Sammlung von Augenblicken hat ihm beigebracht, daß jede Politik auf einer Grundlage der Menschlichkeit basieren muß.

Literaturverzeichnis:

Albrecht Beckel: Mensch, Gesellschaft, Kirche bei Heinrich Böll. Verlag A. Fromm, Osnabrück 1966
Marcel Reich-Ranicki, Herausgeber: In Sachen Böll. Kiepenheuer und Witsch, Berlin 1968
Wilhelm Schwarz: Der Erzähler Heinrich Böll. A. Francke Verlag, Bern 1967

Fußnoten:

  1. Robert Paslick: "A Defense of Existence: Böll's Ansichten eines Clowns," in "The German Quarterly," November 1968 Yan Rooy Printing Company, Appleton, Wisconsin, USA.
  2. Wilhelm Schwarz: Der Erzähler Heinrich Böll. A. Francke Verlag, Bern 1967, S.70
  3. Albrecht Beckel: Mensch, Gesellschaft, Kirche bei Heinrich Böll. Verlag A. Fromm, Osnabrück 1966, S.76